6. GENDER SALON: Mit einem “anderen” Blick durch das Technische Museum Wien

Beim Rundgang "Frauen-Technik / Technik-Frauen" am 21. März 2007 rückte die Kulturvermittlerin Petra Unger bewusst die Leistungen von Frauen in Technik und Naturwissenschaften ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
Verschiedene Exponate im Technischen Museum Wien stehen im Kontext von Pionierinnen wie Hypathia von Alexandria, Karoline Herschel, Marie Curie, den ersten Fliegerinnen wie Bozena Langlerova, Margarete Schütte-Lihotzky und anderen, ohne dass auf die Sichtbarmachung dieser Frauen in der Ausstellungsgestaltung ein bewusster Fokus gelegt wird.
Deshalb Ungers Aufforderung:
Wo sind die Frauen, die all diese Erfindungen gemacht haben? Wo sind die Bilder der Frauen, die durch ihre Leistungen maßgeblich zur Technikgeschichte beigetragen haben?
Es wäre ein Leichtes, diese Fotos und Biografien auszustellen. Eine Sichtbarmachung dieser Pionierinnnen könnte dazu beitragen, die Trennung zwischen vermeintlich "männlichen" - technischen - Berufen und "Frauenberufen" aufzubrechen und mehr Mädchen und Frauen das Selbstbewusstsein zu geben, die Technik und deren Gestaltung für sich zu entdecken.
Auch die Leistungen anonymer Frauen, wie die der Arbeiterinnen in den Wiener Ziegelfabriken und beim Salzabbau rückte Unger in den Vordergrund.
Anhand der schwierigen Arbeitsbedingungen dieser Gruppen ohne soziale Absicherungen thematisiert Unger das im 19., 20. und auch noch im 21. Jhd. geltende - eigentlich "bürgerliche" - Ideal der Familie, in der der Mann der Erwerbsarbeit nachgeht und die Ehefrau die Rolle als Hausfrau und Mutter einnimmt.
Die Bedeutung dieses "Ideals" für ArbeiterInnenfamilien erklärt Unger wie folgt:
Das Alleinverdiener-Modell hat zwar in der Praxis nicht immer funktioniert, weil das Einkommen der Familienväter in der ArbeiterInnenschicht in der Regel nicht ausreichend war, um wirklich als Mann allein eine ganze Familie zu ernähren. Allerdings wurde dieses Modell gerade von den ArbeiterInnen besonders stark angestrebt.
Aufgrund der katastrophalen Arbeitsbedingungen v.a. für Frauen und der fehlenden Sozialgesetze, entstand gerade bei den Arbeiterinnen der Wunsch, "nur Hausfrau und Mutter" sein zu können.
Mit den bekannten Effekten, dass Männer, die es mit ihrem Einkommen allein nicht "geschafft" haben, das Gefühl hatten, gescheitert zu sein und die Berufstätigkeit ihrer Frauen als "Dazuverdienen" abgewertet haben.Die "Nur Hausfrauen und Mütter" haben besonders im Falle des Scheiterns der Ehe, wenn sie mit Gewalt ihrer Ehemänner konfrontiert waren und/oder spätestens nachdem die Kinder erwachsen waren, die Nachteile dieser ökonomischen Abhängigkeit erkannt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Ernährermodell für die ArbeiterInnenfamilien sehr große Gültigkeit hatte - sie jedoch an der Umsetzung in vielen Fällen gescheitert sind.
Im Ausstellungsbereich der historischen Fahrräder zitiert Unger die österreichische Theoretikerin und Frauenrechtlerin Rosa Mayreder:
Das Bycicle hat zur Emancipation der Frau … mehr beigetragen als alle Bestrebungen der Frauenbewegung zusammen.
(aus: Rosa Mayreder, "Zur Kritik der Weiblichkeit", Wien, 1905)
Ein Fahrrad zu lenken war für bürgerliche Frauenum um 1900 ein Statement. Es erforderte andere Kleidung als das zu der Zeit gebräuchliche Korsett und war ein Signal für eine neue Selbstständigkeit der Frauen.
Die Fahrräder im Technischen Museum stehen also nicht nur für neue verkehrstechnische Entwicklungen um die Jahrhundertwende, sondern erzählen auch von den Schritten zu größeren Freiheiten und mehr Selbstbestimmung, die sich Frauen durch die Aneignung von Technik geschaffen haben.
Downloads:
- Literaturliste "Frauen und Technik", zusammengestellt von Petra Unger
- Handout zum Rundgang (basierend auf der Führung im TMW im Sep. 2006)
Links:
- Technisches Museum Wien
- Petra Unger - Unbekanntes Wien - Autorin von "Wiener Frauenspaziergänge"
Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 22. März 2007 um 11:33 Uhr von Ursula Weilenmann veröffentlicht und wurde unter Downloads, Frauen in Technik und Naturwissenschaften, Veranstaltungen, FH Campus Wien, GENDER SALON abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Kommentare und Trackbacks sind derzeit nicht erlaubt.






















